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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 14.04.2020

Der Mathe-Peter und der Schöne Peter.

Klassentreffen und artverwandte Veranstaltungen setzen mich unter Druck.

Ich bin ein dankbarer Mensch, der auch die kleinsten Annehmlichkeiten des Lebens zu schätzen weiß. Corona rüttelt die Welt und jeden Einzelnen von uns brutal durcheinander und ich preise täglich den Schöpfer dafür, mir eine Herberge, ausreichend Nahrung, Hygienepapier und liebe Menschen im Umfeld beschert zu haben.

Da nun Versammlungen jeglicher Art zu Recht ein No-Go sind, fiel auch unser für März geplantes Ehemaligentreffen der Handelsakademie ins Wasser. Plumps. Ohne undankbar scheinen zu wollen: Da blitzte Freude in mir auf.

Klassentreffen und artverwandte Veranstaltungen setzen mich unter Druck. Man trifft dort Menschen, mit denen man in jungen Jahren gelegentlich Spaß hatte, die einen aber – ausgenommen beste Freundinnen – schon damals ziemlich anstrengten.

In unserer Klasse zum Beispiel gab es zwei Peter. Einer davon war ein Mathe-Genie und günstigerweise unglücklich in mich verschossen. Das führte dazu, dass ich sein Flehen einerseits nie erhörte, ihm andererseits aber skrupellos eine glanzvolle gemeinsame Zukunft in Aussicht stellte, wenn er mir bei den Schularbeiten half.

Mathe-Peter saß jahrelang neben  mir, in Vorfreude auf eine mathematisch unterdurchschnittlich begabte, doch sonst passabel brauchbare Mutter seiner fünf Kinder (So viele wollte er. Und ich schwöre, ich habe nie gesagt: "Ich auch!")

Das Schicksal ist gerecht, denn es strafte meine Grausamkeit dem hoffnungsfrohen Mathe-Peter gegenüber umgehend ab. Ich nämlich war in Peter Nummer 2 verliebt. Den sogenannten „Schönen Peter“.

Der Schöne Peter rauchte, trank schon mit 16 tüchtig und experimentierte zudem mit illegalen Substanzen, was seinen Reiz ins Unermessliche steigerte. Für mich interessierte er sich Nüsse, was meinen sinnlosen Ehrgeiz entfachte.

Mathe-Peter hatte es also doppelt kompliziert mit mir, denn es war unschwer zu erkennen, wo meine Prioritäten lagen. Keinesfalls bei mathematischen Gleichungen – und nicht bei ihm.

Machen wir es kurz: Mathe-Peter ist heute zum dritten Mal verheiratet und kinderlos, sein aktueller Lebensmensch, ein um 19 Jahre jüngerer Bursche namens Leo, war bei unserem letzten Ehemaligentreffen mit von der Partie. Das war vor fünf Jahren. Leo und Mathe-Peter sprachen davon, ein Kind adoptieren zu wollen. In meiner Kehle wuchs damals ein schuldbewusster Kloß, wenn auch ein kleiner. Der gute Mathe-Peter.

Der Schöne Peter kommt seit circa 20 Jahren zu keinem unserer Klassentreffen mehr, man munkelt, dass er ausreichend beschäftigt ist, da aus ihm ein Heiratsschwindler wurde, angeblich hat er auch schon eine Bank ausgeraubt.

Auch wenn Sie jetzt eine verheerende Meinung über mich bekommen: Die kriminelle Ader in mir findet Gerüchte dieser Preisklasse ziemlich faszinierend, schließlich war ich nahe dran, die Räuberbraut des Schönen Peter abzugeben. Zumindest fast. Die Aussicht, dem Schönen Peter, getrennt durch Panzerglas, regelmäßig einen Kuss aufs raue Stoppelkinn zu hauchen, schwankt zwischen berauschend romantisch und äußerst frustrierend.

Was mir gerade auffällt: Corona öffnet Schleusen, auch bei mir. Diese nicht ganz unpikante Geschichte (meine Kinder würden sagen: voll peinlich!) hätte ich Ihnen nie erzählt, wenn unser Klassentreffen krisenbedingt nicht abgesagt worden wäre.

Ich vertraue also darauf, dass alles besser wird: Dass Mathe-Peter und sein Leo indischen Straßen-Babys durch geglückte Adoptionen ein besseres Leben ermöglichen. Dass der Schöne Peter in der Bastelwerkstatt seiner aktuellen Strafvollzugsanstalt zumindest Läuterung erfährt. Dass unser Klassentreffen irgendwann als Online-Party stattfindet.

Unseren Knasti könnte man ganz einfach live dazuschalten und ich wüsste auch schon, was ich ihn dann fragen würde: „Hey, Peter, warum hast du eigentlich mit dieser doofen Ziege, Irmtraud hieß sie, glaub ich, immer rumgemacht und mich ignoriert?“

Falls ich Glück habe, nimmt Irmtraud (die nach Irland auswanderte, züchtet sicher Ziegen dort) an diesem Treffen nicht teil, falls ich Pech habe, kränke ich im Nachhinein den armen Mathe-Peter.

Ich merke, sobald ich durch Social Distancing mehr Zeit als sonst zur Verfügung habe, wird’s erst richtig kompliziert.

 

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