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People | 05.04.2019

Kärntens Briten: Keep calm and carry on!

Rund 600 Briten leben in Kärnten. Die Brexit-Wirren sorgen bei ihnen für Kopfschütteln, Schockiertheit und Fragezeichen ihre persönliche Zukunft betreffend. Aber Panik geht anders.

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Helen Taupe & Wendy Prohazka: Die beiden schauen nach vorne (Foto: Karlheinz Fessl für den Kärntner MONAT)

Angeblich diskutieren sie ihn ja gar nicht mehr. Den Brexit. Und die politischen Querschläger rundherum. Und all die schwer nachvollziehbaren Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen im britischen Parlament. Aber wenn eine Handvoll in Kärnten lebender Briten um einen Tisch Platz nimmt, ist der Brexit halt doch wieder das Thema. Von „crazy“ über „embarrasing“ bis hin zu „sick of it“ reichen die Attribute, die für das Gezerre um den Ausstieg UKs aus der EU gefunden werden. 

Kärntens englischer Legionär. „Die Parlamentarier sprechen nicht mehr miteinander. Für die scheint das alles ein Spiel zu sein. Ich persönlich bin schockiert über das, was da in den vergangenen zwei Jahren passiert ist“, meint Anthony Hall. Er ist seit 1973 in Kärnten, hat an der Alpen-Adria-Uni gelehrt und war der erste englische Legionär beim KAC 1909. Theresa May? „Wird in UK nur mehr Maybot genannt, weil sie wie ein Roboter agiert“. Helen Taupe, eingeheiratete Britin und Präsidentin der Austro-British-Society Kärnten, sieht es ähnlich: „Theresa May hat total den Überblick verloren.“ Flapsiger Nachsatz: „Aber viele bewundern sie zumindest dafür, dass sie morgens überhaupt noch aufsteht.“

Taupe ist überzeugt, dass nur ein Politiker mit genügend Intelligenz („like Tony Blair“) den Brexit handeln könnte. Aber von so jemandem sei weit und breit keine Spur.

 

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Anthony Hall ist seit 1973 in Kärnten, er war erster englischer Legionär beim Fussball-KAC (Foto: Karlheinz Fessl für den Kärntner MONAT)

"Viele bewundern Theresa May dafür, dass sie morgens überhaupt noch aufsteht."

Helen Taupe

Brexiteer aus Krumpendorf. Manche sehen das naturgemäß ganz anders. Richard Gould zum Beispiel. Ihn verschlug es vor fast 20 Jahren nach Krumpendorf. Ein unaufdringlicher, englischer Sir. Seine Britishness lebt er hier, indem er fast ausschließlich Englisch spricht, sagt er. Und er sagt auch: „Wir sind ein Inselvolk. Wir waren nie Teil Europas. Als wir der Gemeinschaft beigetreten sind, mussten wir viele gute Handelsverträge mit anderen Staaten aufgeben.“ Richard Gould findet, der Brexit ist eine gute Idee, „denn die wirtschaftlichen Folgen für die EU sind sicher größer als für UK.“ 

Allerdings, das räumt auch er ein: „Die meisten haben wohl nicht gedacht, dass ein Ausstieg so schwierig werden würde.“ Mitstimmen durfte er genauso wenig wie die anderen beiden. Wer länger als 15 Jahre weg ist von der Insel, hat kein Stimmrecht mehr. Wir Briten, ihr Europäer. Diese Grundbefindlichkeit kennen alle Kärntner Briten, die wir getroffen haben. „Ja, das liegt in unserer Natur. Wir sprechen von Kontinentaleuropa immer als etwas Separates“, beobachtet Karen Mehan, die in der Kommunikationsabteilung der Alpen-Adria-Universität arbeitet. Was sich auch medial niederschlägt. „Manche Medien haben seit vielen Jahren antieuropäische Politik gemacht. Die EU wurde nur in zwei Facetten dargestellt: Entweder als bevormundend oder als lächerlich.“ Wendy Prohazka, eine Englischlehrerin mit Lady-Diana-Ausstrahlung, bemerkt außerdem einen starken Hang zur Nabelschau in der britischen Berichterstattung: „In den österreichischen Nachrichten hört man auch immer viel aus anderen Ländern. In Großbritannien dagegen sind fast nur britische Belange ein Thema.“ So wäre in Teilen der Bevölkerung das Gefühl entstanden, dass man die EU eh nicht brauche. Der Rest ist Geschichte bzw. - ein schwebendes Verfahren.

Crazy way of going on. Denn die Planungsunsicherheit – Brexit jetzt oder später, mit EU-Deal oder ohne – macht den sonst so coolen Briten schon ein wenig zu schaffen. Die Pensionisten unter ihnen sind noch einigermaßen entspannt, die Gelder sollten weiter ausgezahlt werden. Trotzdem, mit gewissen Währungseinbußen ist zu rechnen, weil das Britische Pfund ja jetzt schon schwächelt. Anderen wie Karen Meehan, die noch im Arbeitsleben steht, ist die Relaxtheit bereits gründlich vergangen: „Ich habe persönlich viele Fragezeichen im Bezug auf den 29. März. Im Falle eines No-Deal-Brexit habe ich am Tag danach offiziell weder Arbeits- noch Aufenthaltsgenehmigung. Meine beiden Söhne stehen kurz vor der Matura und würden gern im Ausland studieren. Nachdem keiner weiß, was kommt, kann man sich auch überhaupt nicht vorbereiten.“ Unverantwortlich, wie hier vorgegangen wird, meint Meehan. Anthony Hall bringt es in Englisch auf den Punkt: „A crazy way of going on.“ 

Best case ever. Es wären keine Briten, wenn sie nicht nach dem „Keep calm“-Motto höchst unaufgeregt und mit einer Tasse Tee in der Hand nach vorne schauen würden. Helen Taupe kündigt für die Austro-British-Society neben den wöchentlichen Meetings am Donnerstagabend schon die nächste größere Festivität an: Den Geburtstag der Queen am 21. April. Und Karen Meehan, trotz aller Brexit-Frustration, sagt abschließend: „Ich bleibe zuversichtlich, dass noch eine gute Lösung gefunden wird.“ Ihr best case wäre ein zweites Referen- dum. Und wie heißt’s im Lotto – und wohl auch im britischen Parliament? Alles ist möglich!