Hamburg: Die kühle Blonde

Lokalaugenschein und Reisetipps: Hamburg wird noch bis März direkt vom Flughafen Klagenfurt angeflogen. Redakteurin Jasmin Kreulitsch hat sich umgesehen.

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Die prachtvolle Hamburger Speicherstadt am Abend ©mediaserver.hamburg.de / Andreas Vallbracht

„Moin!“ heißt es in Hamburg zu jeder Tageszeit, wer „Moin! Moin!“ sagt, gilt als zu gesprächig. Den Norddeutschen wird eine gewisse Unnahbarkeit nachgesagt, doch „die kühle Blonde“ ist warmherziger als ihr Ruf – auch in den kalten Wintermonaten.

Die Möwen über der Alster wirken, als wären sie im Flug festgefroren. Weht ein kräftiger Wind über Hamburg, werden nicht nur die Hanseaten durchgepustet. Erwischt eine kräftige Böe Möwen bei ihrem Flug über der Stadt, verharren sie scheinbar sekundenlang starr am Himmel. Bevor der Frühling den Norden Deutschlands erreicht, kann es schon mal ungemütlich werden. Friesennerz (norddeutsch für Regenjacke) und Schietwetter (plattdeutsch für Schlechtwetter) gehören in Hamburg zum Alltag und machen den kühlen Charme der Hansestadt und ihrer Bewohner aus. Wortkarg sollen sie sein, distanziert und unterkühlt wie die Witterung an manchem Tag – doch dieses Klischee trifft nur bedingt zu. Wer sich auf die Stadt einlässt, merkt schnell: „Die kühle Blonde“ ist nahbarer als man meint. 

Tor zur Welt. Neben dem Wetter prägt auch das Wasser die Stadt. Die gewaltigen Ströme von Elbe und Alster, unzählige Kanäle und Fleete, 2.500 Brücken und nur 100 Kilometer trennen die Mündung der Elbe von der Nordsee. Kein Wunder, dass Hamburg als „Tor zur Welt“ bekannt ist. Das merkt man nicht nur im Hafen, wo Kreuzfahrtschiffe in Welt ablegen, sondern vor allem in der Speicherstadt. Der weltweit größte zusammenhängende Komplex von Lagerhäusern wurde ab 1883 gebaut und 2015 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Wo man heute an wilhelminischen Backsteinhäusern und schmalen Fleeten entlanggeht, wurde früher gelagert, was über die Weltmeere nach Hamburg kam: Kaffee- und Kakaobohnen, Tabak und Gewürze. Der Kaffee ist es auch, der ein Klischee über die Deutschen entkräftet: dass sie keinen kochen können. In Hamburg wird aus der Bohne kulinarischen Kunst, zum Beispiel in der „Speicherstadt Kaffeerösterei“: Hier wird nur Rohkaffee verwendet, der über den Hafen ankommt und zu hochwertigen Kaffeekreationen geröstet wird. Nicht weit entfernt liegt das „Spicy’s Gewürzmuseum“, das erste Gewürzmuseum der Welt. Über 900 Exponate aus den letzten fünf Jahrhunderten zeigen die Bearbeitung der Gewürze vom Anbau bis zum Fertigprodukt. 

Elbphilharmonie Hamburg © mediaserver.hamburg.de / Andreas Vallbracht

Überseequartier. Am Wasser ist Hamburg kreativ und kosmopolitisch. Nicht wegzudenken ist die „Elbphilharmonie“, die als neues Wahrzeichen der Stadt gilt. Dass die geplanten Baukosten von knapp 80 Millionen Euro fast das zehnfache verschlangen, ist heute beinahe vergessen, der Boom des Konzerthauses lässt nicht nach. Tickets sind schwer zu ergattern, das macht aber nichts, denn man kann das Gebäude kostenlos besichtigen und über die „Plaza“, den öffentliche Bereich der liebevoll genannten „Elbphi“, spazieren. Von hier hat man einen guten Blick aufs Hamburgs neuestes Bauprojekt: das Westfield Hamburg Überseequartier, das im Frühjahr 2024 fertig werden soll. Das hypermoderne Viertel steht architektonisch im Kontrast zur Speicherstadt. Konzipiert als Teil der HafenCity, sollen Lebens- und Arbeitsräume mit Kultur- und Freizeitangeboten und Einkaufs- und Entertainmentkonzepten verbunden werden. 14 Gebäude umfasst das Großprojekt – mit Büros, Hotels, Wohnungen, Shops und Restaurants. Mehr als 40 Gastrokonzepte werden einziehen, darunter das Fischrestaurant „Pesca – Theatre of Fish“, das im Laufe des Tages die Preise reduziert, um alle Fische zu verkaufen und Lebensmittelverschwendung zu verhindern, oder das pinke „EL&N“, das „most instagrammable cafe in the world“.

Grünkohl mit Pinkel. Wer Trends scheut und Traditionen sucht, ist bei den Klassikern genau richtig. Wind und Wetter sind daran schuld, dass die norddeutsche Küche für ihren Purismus bekannt ist. Weil wegen der geografischen Lage nicht viel angebaut werden konnte, waren die Gerichte immer einfach: Es kam auf den Tisch, was in der Elbe oder der Nordsee schwimmt, typische Beilagen waren Kartoffeln, Kohl und Steckrüben. Dass das Nationalgericht Labskaus ein Essen für Matrosen und Seefahrer war und aus Kartoffeln, gepökeltem Rindfleisch und Roter Bete besteht, ist nicht verwunderlich. Heute kann sich die Gastroszene dank Lokalen jeder Nationalität nicht nur sehen, sondern auch schmecken lassen und gilt als Eldorado der TV-Köche. Tim Mälzer führt zwei Restaurants („Bullerei“ und „Barmeiers Café & Biergarten“), Steffen Henssler sogar fünf („Go by Steffen Henssler“, „Ahoi by Steffen Henssler“, „Ono“, „Henssler & Henssler“ und „Kinneloa“). Im Oktober fällt der Startschuss zur Grünkohl-Saison, die bis zum Frühling dauert. Heute als typisch norddeutsch verstanden, kommt Grünkohl ursprünglich aus der Mittelmeerregion. Erst seit dem Mittelalter kennt man den Kohl im Norden Europas, wo er zum beliebtesten Wintergemüse wurde. In Norddeutschland kombiniert man Grünkohl mit Pinkel, einer deftigen Räucherwurst. Wer einen Snack für zwischendurch sucht, hat die Wahl aus salzig oder süß. Der Klassiker ist ein Fischbrötchen. Den nordischen Brötchenschlager gibt’s überall, das beste Krabbenbrötchen isst man in der „Brücke 10“ an den Landungsbrücken. Süß wird’s mit Franzbrötchen, die aus einem Plunder- oder Germteig bestehen, der mit Zucker und Zimt gefüllt ist. 

Lifestyle. Aber natürlich zählen in Hamburg nicht nur die kulinarischen Trends, sondern auch die zum Anziehen. Die Zwei-Millionen-Stadt erfüllt jeden Wunsch und Geschmack. In der Innenstadt ist das Hanseviertel zwischen Jungfernstieg und Gänsemarkt sehenswert, hier gibt es verschiedene Geschäfte und Cafés. Im Februar 2024 eröffnet das „Le big Tam Tam“: ein kreativer Food-Markt mit Eventbühne und Bar auf 2.000 Quadratmeter. In Sachen Style ist es der Edel-Bezirk Eppendorf, der die Nase vorne hat: Rund um den Lehmweg, die Klosterstraße und den Eppendorfer Weg tummeln sich zwischen Jugendstilvillen die schönsten Shops. Kein Wunder, dass das Viertel als „Notting Hill“ Hamburgs bekannt ist. Individuell ist auch das Karolinenviertel. Hier ist alles ein bisschen hip, ein bisschen alternativ – und ein Geschäft reiht sich ans andere in der Marktstraße, die die Ader des Karoviertels ist. Wer am Ende des Tages die alternativste Ecke Hamburgs aufspüren will, sucht das Gängeviertel. Hier warten schmale Gassen, rote Backsteinhäuser und dahinter eine schräge Szene mit kunterbunten Graffitis auf Besucher der Hansestadt.

Fischmarkt an einem Sonntagmorgen © Julia Schwendner

St. Pauli. Wenn sich dann Dunkelheit über die Hansestadt legt, schillert es in einer Straße besonders. Die Reeperbahn gilt nach der New Yorker Wallstreet als berühmteste Straße der Welt! Die einst verrufene Gegend hat ihr schlüpfriges Image aber längst abgelegt. Neben Sexclubs, Hafenkeipen und Musikclubs gibt es Theater, Restaurants und Bars und vor allem eine junge Szene mit hippen Cafés und Shops. 2024 bekommt der Kiez ein neues Highlight: Der St. Pauli Bunker wird eröffnet. Hamburgs größter Hochbunker hat eine lange Geschichte hinter sich. 1942 von Zwangsarbeitern errichtet, diente er während des Zweiten Weltkrieges der Flugabwehr und wurde vom nationalsozialistische Regime als Propagandamittel zur Demonstration der eigenen Stärke genutzt. Später bot der Bunker ausgebombten Hamburgern eine Unterkunft und wurde zu einem Treffpunkt der kreativen Szene. 2024 erhält er ein neues Gesicht. Im Inneren entsteht ein Hotel mit 134 Zimmern und eine Sport- und Konzerthalle mit Platz für 2.000 Menschen, auf dem Dach ein 1.400 Quadratmeter großer Stadtgarten. Auch ein Gedenk- und Informationsort wird errichtet.

Die Reeperbahn © Mediaserver Hamburg / Jörg Modrow

Musicals. Keine Frage: Hamburg steckt voller Geschichten. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstanden auf St. Pauli viele Privattheater und Operettenhäuser. Heute ist die Hansestadt nach New York und London die drittgrößte Musicalhochburg weltweit. Ob „Der König der Löwen“, „Die Eiskönigin“, „Harry Potter und das verwunschene Kind“, „Hamilton“ oder „Mamma Mia“: Jedes Jahr staunen rund zwei Millionen Besucher über die spektakulären Inszenierungen. 2024 kommt eine Neuheit auf die Bühne: Am 24. März 2024 feiert das Disney-Musical „Hercules“ seine Weltpremiere. Garantiert sind eine packende Geschichte und große Emotionen. „Die kühle Blonde“ ist wirklich gefühlvoller als ihr Ruf.

Josef Ellers verzaubert als Harry Potter © Manuel Harlan

DIE BESTEN TIPPS:

ANREISE

Zwischen 13. Jänner und 2. März 2024 fliegt die Austrian Airlines jeweils samstags direkt zwischen Klagenfurt und Hamburg. www.austrianairlines.at

HERUMKOMMEN

Die S1 fährt im 10-Minuten-Takt und in nur 25 Minuten vom Flughafen in die Innenstadt. Eine Tageskarte gibt es ab 8,40 Euro. www.hvv.de

HOTELS

Villa Viva. Im November 2023 eröffnete das Hotel in Zusammenarbeit mit dem Trinkwasserprojekt Viva con Agua. Es gibt günstige Schlaf-Pods genauso wie Dicke-Hose-Suiten. Schultzweg 4, www.villaviva-hamburg.de

NYX Hamburg. Im Juli 2023 öffnete das erste Haus der Lifestyle-Marke Leonardo Hotels. Im Innern gibt es expressive Kunst. Frankenstraße 16, www.leonardo-hotels.de

CAFÉS & BARS

Gretchens Villa. Süßes Café mit tollem Frühstück, wechselndem Mittagstisch und hausgemachten Kuchen und Waffeln. Marktstraße 142, www.gretchens-villa.de

Die kleine Konditorei. Ganz klassisch auf die Hand gibt es in der kleinen Konditorei köstliche Franzbrötchen. Lutterothstraße 9-11www.kleine-konditorei.com

Marshall Street Café. Leckere Bowls und feinster, selbst gerösteter Kaffee machen den Start in den Morgen perfekt. Schopenstehl 30, www.marshall-street.de

Kinfelts Kitchen & Wine. Die Weinbar mit angeschlossenem Restaurant bietet über 350 laufend angepasste Weine. Am Kaiserkai 56, www.kinfelts.de

Puzzle Bar. Auf dem Campus Tower in der HafenCity gelegen, bietet die Bar einen atemberaubenden Blick über Hamburg. Versmannstraße 2, www.puzzle-bar.de

RESTAURANTS

Veddeler Fischgaststätte. In Hamburgs ältestem Fischlokal gibt es den besten Backfisch nach einem Geheimrezept von 1932. Am Bahndamm 70, www.veddeler-fischgaststaette.de

Old Commercial Room. Das Hamburger Traditionsrestaurant existiert seit 1795 – und serviert ein ausgezeichnetes Labskaus. Englische Planke 10, www.oldcommercialroom.de

Williamine. Nach eigenen Angaben das „wohl kleinste Gourmet-Restaurant in Hamburg“. Es hat nur sechs Tische. Kleiner Schäferkamp 16, www.williamine.de

Hamburger Wasserschloss. Das ehemalige Kontor- und Lagerhaus hat einen Teekontor mit über 250 Teesorten und hauseigene Gastronomie. Dienerreihe 4, www.wasserschloss.de

Liberté. Direkt auf dem Wasser verzaubert das Bistro mit einer tollen Aussicht, französischer Küche und einer super Bar-Karte am Abend. Große Elbstraße 9a, www.liberte.hamburg

EINKAUFEN

Serendipity. Der charmante Store im Karolinenviertel verkauft Mode, Schmuck, Wohndeko, Taschen und Accessoires. Marktstraße 8, www.serendipity-hamburg.de

Kaufrausch. In den 1980er-Jahren haben mehrere Designer das Shop-Projekt „Kaufrausch“ gegründet. Isestraße 74, www.kaufrausch-hamburg.de

Hello Love. Concept Store mit ausgefallenen Geschenken, Mode und Accessoires. Eppendorfer Weg 283, www.shop-hellolove.de/de

Little Department Store. Der Concept Store verbindet edles Design mit lässigem Charme. Lehmweg 42, www.littledepartmentstore-hamburg.de

B-Lage. Coole Shirts, schönen Schmuck und Designhighlights gibt’s in dem hippen Laden im Stadtteil Sternschanze. Kampstraße 11, www.b-lage.hamburg

AKTIVITÄTEN

Harry Potter. Seit zwei Jahren gilt „Harry Potter und das verwunschene Kind“ als Hit. Die Hauptrolle spielt der Kärntner Josef Ellers. Banksstraße 28, www.harry-potter-theater.de

Caspar David Friedrich. Anlässlich des 250. Geburtstages des norddeutschen Landschaftsmalers findet bis April 2024 eine Jubiläumsausstellung  statt. Glockengießerwall 5, www.hamburger-kunsthalle.de

LEGO. Im Frühjahr 2024 eröffnet das deutschlandweit erste „LEGO Discovery Centre“ in Hamburg – mit zwölf Erlebnisbereichen und zwei Millionen LEGO-Steinen. Kehrwieder 5, www.legodiscoverycentre.com/hamburg

Internationales Maritimes Museum. Sehenswert ist die weltweit größte private Sammlung maritimer Kostbarkeiten. Koreastraße 1, www.imm-hamburg.de

Hafenrundfahrt. Ein Touristenklassiker, der es absolut wert ist: eine Hafenrundfahrt! www.hamburg.de/hafenrundfahrt

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